Mittwoch, 27. Mai 2015

Fat Acceptance - Was soll das eigentlich 2.0



Ich hab vor einiger Zeit mal darüber geschrieben warum Fat Acceptance wichtig ist. In den letzten Tagen wurden vermehrt Tweets in meine Timeline gespült die sich mit dem Thema auseinander setzten warum oder warum nicht Fat Acceptance unterstützenswert ist oder eben nicht. Was dabei mal wieder im Vordergrund stand, war das Gesundheitsargument. Ob dick_fett sein nun gesund oder ungesund ist, ob es da Grundsätzlichkeiten oder Regeln oder Ausnahmen gibt, werden wir wohl nie einfach in einem Blog Post klären können. Was man aber schon klären kann ist, welche Facetten in der Fat Acceptance für mich viel wichtiger sind, als körperliche Gesundheit.

In der Fat Acceptance Bewegung geht es für mich nicht in erster Linie um Gesundheitsfrage, sondern darum, dass für meinen Körper und meine Meinung ein Platz geschaffen wird, in einer Gesellschaft, die zu tiefst geprägt ist von eingeschränkten Körpernormierungen und Idealbildern. Eine Gesellschaft in der du nie richtig sondern immer nur zu dick/dünn/sportlich/unsportlich/gesund/ungesund sein kannst. 

Fat Acceptance will nicht ein einzelnes Körperbild promoten, sondern Augen gegenüber Körperbildern öffnen, die nicht jeden Tag in den Medien zu sehen sind, die nicht als schön oder begehrenswert gefeiert werden. 

Fat Acceptance möchte dicke_fette Menschen dabei unterstützen wieder selbstständige Entscheidungen für sich und ihre Körper treffen zu können. Es möchte empowern und Mut machen, damit man sich selbst nicht nur auf sein Gewicht reduziert und sich auch nicht nur auf sein Gewicht reduzieren lassen sollte.

Ich, als fetter Mensch, habe wahrscheinlich schon alles gehört. Von gut gemeinten Sport- und Ernährungstipps, zu Beleiiogungen, Bevormundungen, Demütigungen, Komplimente die keine waren und Bemerkungen, die stark an Übergrifflichkeit grenzen. Ihr erzählt mir nichts Neues. Der Gedanke, dass dick=ungesund sein soll, ist keine bahnbrechende Idee, sondern gelerntes Verhalten. Gelerntes Verhalten, dass ihr jeden Tag versucht Menschen aufzudrücken, egal ob sie es hören wollen oder nicht. Und nein, es nicht hören zu wollen, heißt nicht, dass man sich zurücklehnt, dass man aufgibt oder sich der Wahrheit verschließt, es heißt nur, dass man ein Recht darauf hat zu entscheiden wann und wo und vor allen Dingen mit wem man über sich und seinen Körper reden will. 

Fat Acceptance will nicht Gesundheit verteufeln, es will, dass Gesundheit wieder eine selbstständige und individuelle Sache ist, die jeder mit sich und für sich ausmachen kann und sollte, und die nicht im öffentlichen Raum zur Debatte steht. 

Fat Acceptance kann und sollte so viel mehr sein, als ein Gesundheitsthema.

Fat Acceptance fordert Respekt und Menschenwürde ein, es geht dabei um Selbst Akzeptanz und darum Menschen, die ihr Leben lang von einer Diät in die nächste geworfen wurden eine Alternative zu bieten, diese Menschen mal anzuhalten und ihnen zu zeigen, dass man auch als dicker_fetter Mensch an andere Dinge als Ernährungspläne und die nächsten -7kg denken darf. Und das ist für mich ein ganz, ganz wichtiger Punkt: Fat Acceptance zeigt dicken_fetten Menschen, dass ihr Lebens lebenswert ist, dass es lebenswert sein darf. Bis ich 20 war, war mein Alltag bestimmt von Zweifeln und Hass, ich habe immer darauf gewartet und gehofft, dass wenn ich doch endlich nur xy KG abnehmen würde mein Leben los geht. Alles anders wird, ich endlich ein Mensch bin der etwas Wert ist, der einen Platz in der Gesellschaft haben darf. Heute scheiße ich darauf, ob andere damit leben können, dass ich als fette Frau mein Leben genieße, ich hasse mich nicht mehr dafür, dass ich esse und ich kann mich nackt im Spiegel anschauen und lächeln. Und wenn all das nichts Wert sein soll, weil jemand der Meinung ist, dass Fat Acceptance nicht unterstützenswert sei, wegen „aber eure Gesundheit !1!elf!!!“, dann ist das für jeden dicken_fetten Menschen ein Schlag ins Gesicht. 

Niemand sagt, dass Gesundheit nicht wichtig ist, aber was oder wer als gesund oder ungesund definiert wird, hängt leider viel zu oft vom äußeren Erscheinungsbild ab. Und nur weil Fat Acceptance sagt, dass dick_fett sein nicht gleichzeitig auch bedeutet dass man auf jeden Fall ungesund ist, heißt das nicht im Gegenzug, dass wir sagen es ist gesund/gesünder, oder es ist besser, oder es ist die einzig wahre Lösung. Body Acceptance ist für jeden Menschen da, für jeden Körper. Und zur Body wie auch zur Fat Acceptance gehört eben dazu, dass wir lernen, dass uns die Gesundheit von anderen nichts angeht. 

Und mal ganz ehrlich, lauft ihr wirklich alle durch die Stadt und macht euch bei jedem Menschen Gedanken über den Gesundheitszustand? Fragt ihr euch an der Ampel ob die Dame neben euch wohl morgen noch lebt? Nein! Wieso ist es also okay dicke_fette Menschen dauerhaft zu bevormunden und zu verurteilen und das unter den Mantel der Besorgnis um die Gesundheit zu verstecken. Wenn ihr fette Menschen scheiße findet, dann steht wenigsten dazu und versucht nicht euch das selber schön zu reden.

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Kommentare :

  1. Sehr, sehr schöner Beitrag, vielen Dank dafür <3

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  2. Wenn du nicht gesund bist, dann kostet du aber die Gesellschaft als Solidargemeinschaft Geld. Und Dicke haben nun mal ein höheres Risiko für gewisse Krankheiten. Das lässt sich auch nicht abstreiten.

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    1. Ich kann mir auch nicht aussuchen für wen mein Krankenkassenbeitrag drauf geht und muss dafür intolerante Nazi-Schweine oder gelangweilte Ultras die sich nach dem Spiel die Nase brechen, herhalten. So ist das eben im Sozialstaat, jeder kommt für jeden auf.

      Es gibt tausende Dinge die ein Risiko bereiten. Alkohol, Rauchen, extreme Diäten, Autofahren, das Bett verlassen geht bei manchen auch schon schief. Außerdem streite ich ja gar nicht ob, dass es Risiken gibt, ich sage nur, dass ich als fetter Mensch nicht auf diese Risiken und auf mein Gewicht reduziert werden will UND, dass selbst wenn ich das größte Gesundheitsrisiko schlecht hin darstellen würde und der ungesündeste Mensch der Welt wäre, ich verdient habe wie ein Mensch behandelt zu werden, ohne Beleidigungen, ohne Bevormundung und ohne Demütigung.

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    2. Das kann ich verstehen und das ist Dein gutes Recht und das Recht eines jeden Menschen. Für mich hörte, es sich nur so an als sollte das Dick-Sein schön geredet werden. Als wäre es okay, sich damit abzufinden. Nur sollte man sich nicht damit abfinden, wenn man unglücklich ist und sich einreden, dass es okay ist, wie man ist, wenn man es tief in sich drin gar nicht okay findet. Wenn Du glücklich bist, ist es ja okay.

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    3. Dadurch, dass die Gesellschaft dick sein nicht akzeptiert entsteht ja gerade die Angst davor und ein ungemeiner Druck, der oft gerade das Abnehmen hindert oder viele Menschen in psychische Krankheiten treibt. Und diese Therapien kosten am meisten Geld.

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  3. Ich danke dir für diesen Post, danke

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  4. Mehrere Studien zu Gesundheit und Übergewicht haben ergeben, dass genau die soziale Missachtung, Abweisung und Druck (Hormon Cortisol) erst das Übergewicht verursachen. Diese Faktoren noch zu intensivieren durch "gut gemeinte" "Hilfe" ist daher kontraproduktiv und unmenschlich. Übergewicht ist sichtbar (viele andere Erkrankungen nicht) daher ist es eine faschistische Einstellung, die gegen "sichtbares" im Menschen ankämpft, egal ob im Namen der Gesundheit oder Nation oder egal welcher anderen Idee, die normativisiert und systemisiert zur Ideologie wird. Wunderbarer Text, danke!

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  5. Ich kann und wlll nicht mehr sagen als: Ich liebe dieses Bild ;-))

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